All on board

Die Strecke von Boston nach New York habe ich mit dem Zug zurückgelegt. Es war weniger späktakulär als ich es mir vorgestellt hatte. Aber was hatte ich mir vorgestellt? Ich habe das Ticket online gekauft ($ 120) und bin rechtzeitig zur South Station Boston aufgebrochen (mit der „Silver Line“ der öffentlichen Verkehrsmittel die sich als Bus entpuppte, was mich erst ein wenig verwirrtes am Flughafen Herumirren gekostet hat). Eine Sache ist dann doch anders, als wir es von unserer lieben DB kennen. Man erwirbt mit dem Ticket einen Sitzplatzanspruch, aber keinen festen Sitzplatz. Den ergattert man sich, indem man (rechtzeitig) herausfindet, von welchem Bahnsteig der Zug abfährt (was ca. 15 Minuten vor Abfahrt bekannt gegeben wird) und sich dann in die unvermeidliche Schlange einreiht, die sich den Zug entlang zum nächsten noch nicht von der Schlange erreichten Wagon … schlängelt. Man steigt ein, versucht sein Gepäck „irgendwie“ zu verstauen und setzt sich wo Platz ist. Der Zug startete in Boston – bei den anderen Stationen musste jeder Zusteigende ohne Schlange sehen wo er oder sie Platz findet. Der Zug war gut gefüllt. Neben mir wechselten im Laufe der gut 4 stündigen Reise dreimal die Nachbarn. Der in New Haven zugestiegene Ex-Armee-Offizier kam gerade von einem Ehemaligen-Treffen seiner alten Uni und war sichtlich enttäuscht, dass ich auf seine Gesprächsangebote nicht eingegangen bin. Wer mich kennt weiß, dass man dieses Verhalten bei mir nicht persönlich nehmen sollte. Hat er, glaube ich, auch nicht. Ich habe mich damit begnügt aus dem Fenster zu sehen und hin und wieder ein „Shoot by Driving“ Bild zu machen.

Die Ankunft in New York war dann eher grenzwertig. Ich hatte vergessen, wie diese Stadt Neulinge oder Wiederkehrende begrüßt. Sie gibt dir einen freundlichen Tritt zwischen die Beine und schubst Dich mit Deinem Gepäck die Treppen hoch auf die hupende, Musik spielende, herumhetzende, abgesperrte (da geht’s lang, Mensch guck doch wo du läufst) Straße. Du guckst nach oben, wo dir die Sonne ins Gesicht gleißt und stellst fest, dass da oben nur die Enden der Häuser um Dich herum zu sehen sind, die dich aber kein Stück Deinem Ziel näher bringen von dem Du noch nicht weißt ob es rechts, links oder hinter Dir liegt. Irgendetwas bringt Dich dazu anzunehmen, dass Dein Ziel nicht vor Dir liegen kann. Das kann falsch sein – die Chancen stehen 4 mal zum Viertel. Plötzlich merkst Du wie schwer Dein Koffer ist, weil es keine bequemen Rolltreppen gibt. Denk mal gar nicht an Fahrstühle – das ist einer der zentralen Bahnhöfe hier und wenn du nicht vorher nachgeguckt hast, mit welcher Linie Du weiter musst oder an welchem Übergang zur Subway ein Automat für das MTA-Ticket steht, biste eben selber schuld. Und dann machst Du das, was scheinbar viele um Dich herum auch machen – Du suchst Dir eine Hauswand und stellst Dich, möglichst eng an die Mauer gepresst, deinen Koffer und die Tasche dicht neben Dir dahin, wo der ständig fließende Menschenstrom dieses sonnigen Sonntagnachmittags, dicht neben einer Promotionveranstaltung eines  ortsansässigen Sportvereins, um einige wenige Zentimeter an Dir vorbei fließen kann, damit Du Dein Handy aus der Tasche fummeln, das Roaming einschalten und die Googlemaps-App aufrufen kannst.

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