Musikabend Pt. 2

Am Freitag (letzter Tag meiner New York Visite) wollte ich es krachen lassen. J.Mascis war ausverkauft. Also mal gucken, was dies- und jenseits der Williamsburgh Bridge so im Angebot war. Zum Wochenende hin ist die Auswahl in „der Stadt“ natürlich riesig. Am Ende habe ich mich wieder für einen Klub entschieden, der in Laufweite zum Hotel lag: die Mercury Lounge. Freitags gibt es dort zwei Shows, jeweils mit zwei bis drei Bands. 12 Dollar und einen Stempel später stand ich im vorderen Raum in dem die Bar liegt – auf der linken Seite den ganzen Raum entlang. Rechts sind gefühlte 2 Meter Platz um sich entweder an die Bar zu stellen oder zum zweiten Raum mit der Bühne durchzuzwängen. Und dort machts dann „BUMM“. Die Luft ist dicker als dick, die PA lauter als nötig, um den ca. 200 Leute fassenden Raum von höchstens zweieinhalb Metern Höhe zu beschallen. Die erste Band hatte schon angefangen. „Cold Blood Club“ aus Brooklyn. Mit fast klassischer Besetzung spielte die Band ein schönes, druckvolles Set. Nicht ganz klassich im Rocksinn ist die Violine. Die Sängerin kommt in etwa wie eine punkige Joan Armatrading – das hat mir gefallen. Dort im Club hat die Band einen geradlinigen, einfachen Eindruck auf mich gemacht – hört man sich die Produktionen an, die auf Youtube kursieren, wirds wieder mehr modern choral (alle singen mit who-o-oh), was ich schade finde. Aber an dem Abend gings mir ja um das unmittelbare Konzerterlebnis. Und das war schon OK.

Der Umbau zwischen den Bands führte Musiker und leicht transportierbares Equipment quasi quer durch den Saal – offenbar war der Raum hinter der Bühne auch nicht besonders oppulent. Die nächste Band musste ca. zwei Songs lang mit Rückkopplungen und schlechten Pegeln leben, weil die Frau am Mixer (in eine Ecke des Raumes, gleich neben dem Durchgang zur Bar gequetscht) sich und den Mixer erst einstellen musste. Umso erstaunlicher, dass dann das Set der „Family Crest“ aus San Franzisco gut ausgepegelt durchlief. Wie von jeder Band dieses Abends hatte ich auch von dieser noch nie was gehört. Ich war also völlig unbelastet von Vorstellungen und Urteilen und war relativ schnell begeistert, besonders von Liam McCormick, dem Frontmann. Der Vergleich mit den Mumfords kam mir sehr schnell in den Sinn. Das ist dann aber auch egal, weil ich die ja auch mag und weil Family Crest dann doch auch irgendwie mehr kalifornische Sonne in ihren Songs haben – und Bay-Nebel natürlich 😉 Das Video das ich ausgesucht habe, beweist, dass man auch in einem kleinen Studio unter „Quasi-Livebedingungen“ Mitsing-Songs gut rüber bringen kann. Witzig ist, dass auch diese Band als „Indie“ bezeichnet wird – ich habe für mich als Schubalde für diese Art von leichter / moderner Unterhaltungsmusik inzwischen den Begriff „gentrifizierter Indie-Rock“ gewählt.

Nummer drei an diesem Abend in der Mercury Lounge war „Motopony“ aus Seattle. Kannte ich auch noch nicht. So nach ein/zwei Songs dachte ich „wow, da legt jemand den guten alten Krautrock wieder auf“. Das hat mir ganz gut gefallen – auf eine andere Art, als bei „The Family Crest“. Hier wars mehr ein wohliges Eingrooven in Musik, ohne diesen Super-Beeindruckt-Sein-Effekt. Ein paar Songs später waren Einflüsse aus der Darkwave-Ecke nicht zu überhöhren. Und – wir sind ja schließlich in den 2010ern – alles in allem war bei den meisten Songs das Bemühen erkennbar, leicht und gut verdaulich zu klingen. Das gute alte Kraut war also nur leicht angedünstet, überstreut mit knusprig gebratenen Zwiebelringen und Salbeiblättern, getragen von der hohen, manchmal etwas schrillen Stimme von Daniel Blue. Motopony hatte an diesem Abend etwas Pech mit dem Publikum – nein, nicht mit dem Publikum, sondern mit einem Fotografen, der irgendwie meinte, Teil der Show zu sein und Musiker und andere Besucher zeitweise sehr genervt hat. Zu einem kleinen Eklat kam es dann in der Endphase von Motoponys Song „Get Down“ als Daniel Blue quasi ohne Begleitung einen sehr langen Ton zu singen hatte – genau da stritten sich ein Besucher und der Fotograf lauthals, was dann für alle gut zu hören war. Der Typ mit der Kamera hat sich davon nicht beirren lassen und ist allen fleißig weiter auf die Ketten gegangen. Vielleicht hatte er ja einen ganz eigenen Star-Status und es hat sich keiner getraut ihn raus zu schmeißen. Es war schon etwas bizarr.

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